Unterwegs zum Integralen Bewusstsein
1.
Das Leben erfahre ich als immerwährenden pädagogischen Lernprozess und gleichzeitig als Intensivierung des Bewusstseins. Ich mache dabei auch die Erfahrung, dass es einerseits um das Erlernen und die Schulung von verschiedenen Bewusstseinsqualitäten geht, andererseits ist stetes Ueben, im Sinne des Transfers auf das aktuelle Leben, von zentraler Bedeutung.
Bewusstwerdung des Integralen Bewusstseins ist auf diesem Hintergrund ein pädagogisches Geschehen. Pädagogisches Geschehen weiss sich zudem immer auf Etwas oder Jemanden hin bezogen. Pädagogik in diesem Sinne verstanden ist ohne Du/DU nicht möglich.
2.
Integrales Bewusstsein ist eine Haltung dem Leben gegenüber, welches nicht das Ich ins Zentrum stellt. Es verlangt bewusst das Opfer des Egoismus und der possessiven Haltung sich selbst und seinen persönlichen Gefühlen und Instinkten gegenüber. Wird eine solche Haltung möglich, können die persönlichen Gefühle und Instinkte nicht mehr länger zum Vorteil des persönlichen Lebens ausgebeutet werden, sondern es muss anerkannt werden, dass das persönliche Ich sich den Forderungen der Lebenskraft als einem göttlichen Wesen unterzuordnen hat.

Wahrnehmung: Zeitqualität in Beziehungen
Jene Erkenntnisform die über Magie, Mythos und Logos hinausführt nennt Gebser als integrale Erkenntnisform: das Wahrnehmen.
Was ist „wahrnehmen“? Im Unterschied zum begrifflichen Begreifen ist es ein mit Aufmerksamkeit verweilen. Das Wahrnehmen im Sinne Gebsers bezieht nun auch die Zeit in unser Bewusstsein ein. Dies ist ein Prozess, welcher aufmerksam beim sich wandelnden Geschehen von Moment zu Moment verweilt. Heute findet dieses in verschiedenen Mediationsformen und Aufmerksamkeitstrainings seine Ausdrucksform.
Die Zeit als Wahrnehmung der Zeitqualität lässt mich den Moment, die Gegenwart als ein Beziehungsfeld, ein Kraftfeld, an dem ich teilhabe, erfahren. Diese neue Erfahrung der Zeit als Qualität steht im Gegensatz zur Erfahrung der Zeit als Quantität, welche die Zeit nur als Mass- bzw. Bezugssystem zwischen zwei Augenblicken kennt.
Konkret bedeutet dies, dass es mir nicht mehr möglich ist, den Terminkalender einfach aufgrund der freigebliebenen Zeit einzuteilen. Tue ich dies weiterhin unbedacht, werde ich „mit der Zeit“ langsam von Innen her ausgebrannt (Burn-out). Ein Zusammenbruch kann möglich werden, da ich die neu hinzukommende Erfahrung der Intensität, der Zeit-Qualität einer Begegnung, nicht mehr verarbeiten kann, denn es gibt keine Begegnung mit einem Menschen, die mich nicht mit allen körperlichen Empfindungen, seelischen Erfahrungen und Wertvorstellungen konfrontiert. Ich erlebe alle diese Qualitäten während der Zeit die ich mit diesem Menschen verbringe auf allen Ebenen (Körper-Seele- Geist). Diese Wahrnehmung des Präsenzseins löst innere Prozesse aus, welche bewusst wahrgenommen und verarbeitet werden wollen.
Fehlt die Zeit dazu, verlieren die Begegnungen mit Menschen ihren sinnlichen, seelischen persönlich-geistigen Charakter. Was bleibt sind Teil-Begegnungen, die dem Erleben der Zeitqualität in ihrem Ganzheitsaspekt entgegengesetzt sind.

Zeitqualität am Beispiel der Psychologie zu Beginn des 20. Jh.

Die Erforschung des Unbewussten zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird das Generalthema. Die Suche nach den unbewussten, unbekannten Gründen des Lebens beginnt. Es ist gleich- zeitig der Beginn von weiteren vier Wissenschaften: Der Archäolgoie, der Geologie, der Mythologie, des Okkultismus. Sie stellen sich die Aufgabe, nachdem die Höhen des Himmels verlorengingen, „ins Tiefe (zu) schürfen“. Es beginnt die Wanderung „ins Leere“, in die Mephisto den Faust sendet und in „deren Nichts er das All zu finden hofft“. Das Untergründige, Unbewusste will erforscht werden, seit das Obergründige nicht mehr auf den Menschen einwirkt.
Das Unbewusste ist wegen seiner psychischen Raumlosigkeit zeitbetont; es ist wirkend, denn die Struktur der Psyche ist für C.G. Jung nicht statisch, sondern dynamisch. Die Bewusstwerdung des Unbewussten ist eigentlich nichts anderes als die psychische Form des Einbruches der Zeit (wie oben geschildert) in unser Bewusstsein. In der „Analytischen Psychologie“ von C.G. Jung ist ein deutliches Bemühen betr. die Ueberwindung des mentalen zum integralen Bewusstsein zu erkennen, welches sich vor allem in einer Hauptthese Jungs erkennen lässt:
Zum „Quaternitäts-Postulat“:
Ausgangspunkt für die Betonung und Bewusstmachung der „Viertheit“ ist bei Jung das Gefühl des Ungenügens hinsichtlich der Trinität. Ihm gelang es, die Trinität zumindest teilweise durch die Quaternität zu verdrängen. In möglichen Quaternitäts Konstellationen, die Jung nachweist, tritt der „SATAN“ in Erscheinung oder das WEIBLICHE ELEMENT, womit die Trintiät durch das Weibliche schlechthin erweitert wird.
J. Jacobi schreibt:
„Neben die Dreizahl, welche ein Archetypus ist und von alters her, besonders in der christlichen Religion, als ein Symbol des „reinen abstrakten Geistes“ angesehen wurde, setzt Jung die Vierzahl als einen für die Psyche höchst bedeutsamen Archetypus. Mit diesem Vierten Glied erhält der „reine Geist“ seine „Körperlichkeit“ und damit eine der physischen Schöpfung adäquate Erscheinungsform.“
Weiter:
„So wie es für die moderne Physik notwendig wurde, die Zeit als vierte Dimension einzuführen, um zu einer umfassenden Totalitätsschau gelangen zu können, (…) ist auch die „minderwertige“, die vierte Funktion, das „ganz Andere“ und ist ihre Einbeziehung und Differenzierung trotzdem – wie die Berücksichtigung der Zeit in der Physik- zu einer ganzheitlichen Betrachtungsweise des Psychischen unerlässlich.“
Wahrnehmung des INTEGRALEN Bewusstseins
Durch den Einbruch der aktuellen Zeitqualität von zunehmender Leere, Hektik, Müdigkeit, Sinnlosigkeit gibt es keinen linearen Prozess der Persönlichkeitsreifung mehr, wie dies bis anhin möglich war. Systematisch orientierte Therapieformen werden sich immer mehr „auflösen“.
Das Heilwerden des Menschen liegt im Ursprung, nicht allein in seiner ICH-Persönlichkeit. Dieser Ursprung durchringt, erfüllt, gestaltet all unsere Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse, Theorien, Konflikte, Herausforderungen in unserer aktuellen Lebenssituation! Uns bekannte Strukturen, Systeme, unsere gemachten Pläne genügen nicht mehr, um den Anforderungen der Gegenwart gerecht zu werden. Orientierung finden wir allein noch im integralen, an uns wirksamen geistigen Bewusstsein, das alle bis anhin stattgefundenen Bewusstseinsstrukturen durchdringt. Jede Erfahrung, jedes Erlebnis, jede Erkenntnis kann vom Zentrum des Ursprungs in seiner geistig-spirituellen Dimension erfasst, umfasst werden. Dies bedeutet, dass ich nicht mehr nur Teile wahrnehme, diese mit meinem Ich „zusammenfüge“ ‚, sondern gleichzeitig alle Bewusstseinsqualitäten realisiere, sie meine Gegenwart durchdringen: Der Ursprung wird Gegenwart, christlich gesprochen das Geistige, die Liebe wird konkret: Ich erlebe, erfahre und erkenne in einem Moment der Gnade, dass ich von der Liebe Gottes durchdrungen bin.
Es dabei aber auch deutlich, wie in der Evolution des Bewusstseins die Entwicklung eines Ichs notwendig ist, um als Mensch nicht mehr von Emotionen, Gefühlen, Polaritäten, kategorisiertem Denken allein bestimmt zu werden. Das Ich nimmt alle diese gleichzeitigen auftretenden Erfahrungen wahr, identifiziert sich aber nicht mehr mit ihnen! Die Wahrheit ist der Ursprung, die Weisheit, die Liebe die alles durchdringt und meine Lebenssituation gestaltet. Die Gegenwart des Ursprungs findet so den Weg ins Herz unseres Lebens!

Sprengung des Raumes und der Zeit
Picasso malte Bilder auf denen keine Perspektive mehr erkennbar war, sie wurde zu einer wahrnehmbaren ganzheitlichen Bildszene. Das war vor über 100 Jahren. Damals war es uns nicht möglich diese Gleichzeitigkeit wahrzunehmen, da das mentale Denken, welches sich in Raum und Zeit perspektivisch oder als messbare Zeit zeigte, vorherrschend war. Unser Gehirn, unsere Wahrnehmung ist aktuell damit überfordert, der Sicherheit gebende Raum und die Zeitplanung lösen sich auf.
Wir sind mit der Sprengung, Auflösung des dreidimensionalen Raumes konfrontiert. Wer einerseits nicht das mentale Denken der Ich-Werdung und zugleich die magisch-mythische Wahrnehmung differenziert und sich ihrer Vielschichtigkeit bewusst geworden ist, kann sich durch das Auflösen der Zeit und des Raumes, der bis dahin Sicherheit gebenden Denkweisen und dem Erleben, der Erfahrung der messbaren, einteilbaren Zeitqualität, überflutet, bedroht und überfordert. Aktuell erleben wir den «Kampf», das Leiden zwischen der «alten Zeit» und der noch nicht verankerten Zeitqualität, welche wir heute als Angst, hoffnungslose Leere, Verlorenheit in Raum und Zeit wahrnehmen.
Diese Auflösung löst unbekannte Angste aus, da kein « Weltbild» uns noch Sicherheit, Orientierung bietet. Aktuell wir auf diesem Hintergrund oft in die mythisch/magische Welt «geflüchtet» oder eine radikal egozentrische Denkhaltung eingenommen.
Heilung dieser «Verlorenheit in Raum und Zeit» wäre nun die Bewusstwerdung aller (!) zuvor stattgefundenen Bewusstseinsstrukturen, darin eingeschlossen auch die von C.G. Jung geforderte Konfrontation mit dem Schatten. Bei Gebser sind es die Auseinandersetzung mit den «defizient» gewordenen magisch, mythischen, mentalen Bewusstseinsqualitäten, welche den Sprung ins «Integrale Bewusstsein» blockieren, verunmöglichen.
Aufgrund der heutigen gottlosen Zeit, ist es eine spezielle Herausforderung sich diesem Prozess zu stellen, denn so Gebser:
„Gefordert ist eine Wiederbewusstwerdung des christlichen Denkens, Erlebens und Erfahrens. Daraus zeigt sich in einem Moment der Gnade, die ja nicht machbar ist, der Ursprung der «geistiger» Art ist, somit göttlichen Ursprungs. Diese Gnade ist mir wahrnehmbar, wenn ich zuvor das Kreuz, das Ausgespannt-sein an/in die Gegensätze erduldet durchlitten habe!“

Lebensbaum -1979
Entwicklung des integralen Bewusstseins
Jeder Mensch trägt als Grundlage seines Lebens die Qualitäten der bis jetzt stattgefundenen Bewusstseinsstrukturen (die magische, mythische, mentale) als Grundlage seines Lebens in sich. Die Aufgabe besteht nun darin, sich dieser Bewusstseinsstrukturen bewusst zu werden, sie im Leben zur Entfaltung zu bringen. Gelingt uns dies, werden wir mit der Zeit der neuen, integralen Bewusstseinsstruktur gewahr. Die heutige Zeit wird von der mentalen/patriarchalen Bewusstseinsstruktur dominiert. Jeder Mensch ist deshalb in seinem Verhalten in irgendeiner Weise von dieser Struktur geprägt, sei es, dass er darunter leidet oder sich mir ihr identifiziert hat. Die früheren Bewusstseinsstrukturen sind deswegen aber nicht weniger bedeutsam, ja sie bilden die Grundlage unseres Lebens. Ohne eine Verwurzelung in ihnen, ist das Leben so, wie wenn ein Baum ohne Wurzeln und Erde auskommen müsste. Diese Tatsache bedeutet, dass sich jeder Einzelne mit diesen Bewusstseinsqualitäten auseinandersetzen muss, um wieder ganz zu werden, anders ausgedrückt, um am integralen Bewusstsein teilhaben zu können.
Dazu Gebser:
„Es bedarf grosser Behutsamkeit, vieler Geduld, des Abstreifens vieler vorgefasster Meinungen, vieler vorausträumender Wünsche, vieler blindwaltender Forderungen; es bedarf eines gewissen Abstandes zu sich selber und zur Welt, eines langsam ausreifenden Gleichgewichts aller in uns veranlagten Komponenten und Bewusstseinsstrukturen, um die Absprungbasis in die neue Mutation in uns vorzubereiten… „
Die Arbeit an uns selbst geschieht im Alltag, indem ich die aktuelle Lebenssituation zum Ausgangspunkt nehme, um herauszufinden, mit welchen Bewusstseinsqualitäten ich in meinem Leben vorwiegend reagiere. Daraus kann ersichtlich werden, ob meine Reaktionen auf eine Situation noch stimmig sind und/oder doch nicht eine andere, z.B. mythische Bewusstseinsqualität, für die aktuell nötige Handlungsweise angebrachter ist. Dazu ist es wichtig wahrzunehmen, was ich erlebe, erfahre oder erkenne, dies mit der Zeit «gleichzeitig»!

Schlacht bei Sempach, 1963
BEWUSSTWERDUNG DES GEISTIGEN
In der integralen Weltsicht wird Leben zur Teilhabe am Ganzen, zudem kann der Mensch sich seines geistig-göttlichen Ursprungs neu bewusst werden. Er findet eine Religiosität oder Spiritualität jenseits von magischer Trance, mythischem Bild oder mentalem Begriff. Die Bewusstwerdung des Geistigen setzt in der Praxis eine Konfrontation mit den Inhalten des Unbewussten voraus. Dies kann auf zwei einander entgegengesetzten Wegen geschehen: Ist im Leben eines Menschen der geistige, transzendente Aspekt des Lebens vernachlässigt worden, so liegt das Ziel in der Intensivierung des Bewusstseins durch vertiefte Einsicht in seelisch-geistige Gesetzmässigkeiten und Zusammenhänge.Im konkreten eben geht es (magisch/mythische Qualitäten) Voraussetzung dazu ist aber eine zuvor sattgefundene Entwicklung eines Ich-Bewusstseins. Ist umgekehrt das Ich-Bewusstsein eines Menschen von den Instinkten (magisch/mythische Qualitäten) abgeschnitten, dann ist der materielle, rationale Weltaspekt konstelliert, welcher ihm keine Rückverbindung zum Natürlichen und die Beziehung zum Nächsten möglich macht. Dies bedeutet nicht selten das Opfer einseitiger Intellektualität, von Kontrolle abgeben müssen sowie das Wahrnehmen und Anerkennen von transzendentem Geschehen.

«Schwangerwerden mit dem Ursprung»
Name des Künstlers: Roland A. Kaiser