Jean Gebser
Vor über 40 Jahren wollte es der Zufall (magische Qualität), dass ich mich für den Kulturphilosophen Jean Gebser und die Tiefenpsychologie von C.G. Jung zu interessieren begann.
Über die Liebe
Lieben ist gesteigertes Leben. Einseitige (und damit sogenannte unglückliche) Liebe gibt es letztlich nicht, denn Liebe ist immer Austausch, uneigennützige Hingabe, echte Beziehung; wo diese Kraftfeld nicht wirksam ist, ist auch keine Liebe, sondern höchstens Verstrickung. (S.8)
Um einiges verlässlicher als das Verliebtsein ist das Liebhaben. Aber es birgt eine Gefahr, die in dem Haben zum Ausdruck kommt, das immer auf ein Besitzen hinweist. Wo dieses Besitzen-Wollen zu vordergründig wird, bedroht es die Ehrfurcht und die Achtung vor dem geliebten Du, erschüttert es die Menschlichkeit jeder echten Beziehung, verstrickt in Abhängigkeiten, welche den davon Betroffenen ein Reifen unmöglich machen. Nicht immer ist derjenige, der vielleicht besitzen will, schuld. Abgesehen davon: wer wagte bei all dem von Schuld sprechen? Echte Schule beginnt erst dort, wo wir uns ihrer bewusst werden, aber nichts tun, um sie aufzulösen. Diese Auflösung kann in dem Opfer des eigenen Reifens bestehen, darin also, dass wir den immer schmerzhaften Prozess des Reifens, der stets mit einer Wandlung unseres Ich verbunden ist, auf uns nehmen. Der Rest an Schuld, der dann noch bleibt, ist Schicksal oder wie immer man es nennen mag. (S. 11)
Alle Liebe zu einem Menschen will erlernt sein. Und alle Liebe muss täglich neu Geleistet werden, muss täglich neu erwiesen werden. Vergessen wir es nie: Immer ist die Liebe etwas, das über den Menschen hinausweist, auch – und das ist tragisch genug – über den geliebten Menschen. (S. 13)
Dort wo Liebe vornehmlich bindet ohne den geliebten Menschen gleichzeitig auch frei zu machen, beginnen wir das Göttliche zu verraten. Und wenn es vielleicht nicht Verrat ist, so es es doch zumindest Überforderung. (S. 13)
(Jean Gebser: Aus unveröffentlichten Papieren, Verlag Eremiten Presse, 1957)

Literatur






Der Einzelgänger
Gebser lebt unstet seit seiner Jugend: Posen, Breslau, Königsberg, das Internat Rossleben und Berlin sind die Städte seiner Kindheit und Jugend. Die dauernde Veränderung der Umgebung und der Schulsituation, der frühe Tod seines Vaters sind mit Gründe dafür, dass Gebser das Gymnasium vor dem Abschluss verlassen und eine Banklehre begonnen hat. In seinem autobiographischen Roman «Die schlafenden Jahre» hat er die schwierigen Voraussetzungen seines Lebens beschreiben. Er arbeitet nach der Banklehre im Buchhandel, gründet später mit einem Freund zusammen in Berlin die Rabenpresse. Als vierundzwanzigjähriger lebt er bereits in Florenz, zwei Jahre später mit einem Freund in Spanien, wo er vor allem im Kreis von Garcia Lorca bis zum Bürgerkrieg lebt. Dann geht die Wanderung weiter nach Paris. Er lebt dort im intellektuellen Umfeld von Picasso. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges flüchtet er in die Schweiz, wo er an verschiedensten Orten zunächst im Süden der Schweiz lebt, besonders in Ascona, wo Jung den Eranos-Kreis begründet hat und wo am Monte Verità eine internationale Gemeinschaft neue Wege des Denkens und neue Lebensformen erprobt. Aus den vielen Stationen seines Lebens wird klar, wie rastlos, unbeheimatet Gebser gelebt hat. Auch in seiner ersten Ehe mit einer Schweizerin findet er eigentlich keine Ruhe. Immerhin lebt er jetzt unter Bedingungen, in denen er damit anfangen kann, sein Hauptwerk «Abendländische Wandlung» und «Ursprung und Gegenwart“. Gebser, der sich, wie er in seinen Jugenderinnerungen schreibt, als Gymnasiast für die Irrfahrten des Odysseus begeistert hat, ist selber ein Mensch, der das Leben als stürmische Meerfahrt erlebt hat.
Der Pionier einer neuen Weltsicht
Gebser war einer der ersten, die unsere Zeit als Uebergangsepoche gesehen und darauf aufmerksam gemacht haben, dass das rationale Bewusstsein nicht die Endstation und Krönung unserer geistigen Entwicklung darstellt. Als 1949 der erste Band von «Ursprung und Gegenwart» herauskam, war Gebser noch sehr allein mit dieser Sicht. Nur ganz vereinzelt gab es Stimmen, die in ähnliche Richtung wiesen. Im selben Jahr unabhängig von Gebser Erich Neumanns Werk «Ursprungsgeschichte des Bewusstseins» herausgekommen, in dieser Zeit hat auch Jaspers auf die «Achsenzeit» hingewiesen, die Zeit des Uebergangs vom Mythos zum Logos um 500 v. Chr.. Auch Jung hat in Aufsätzen von «zwei Arten des Denkens» gesprochen. Es gab also bei einzelnen Denkern und Forschern bereits ein geistiges Klima, das etwas aufgeschlossen war für die Einsicht in die Transformationsfähigkeit des menschlichen Bewusstseins. Sonst aber war – vor allem für die akademischen Kreise – der Gedanke einer Relativierung unserer Ratio noch ein erschreckend ketzerischer Gedanke. Obwohl es vor allem Kunstschaffende waren, die Gebser rezipiert und umgesetzt haben, hat sich Gebser bemüht, auch für die akademische Welt akzeptabel zu sein.
In einem privaten, auf Band aufgezeichneten Interview erzählt Gebser, dass er 1932 in Spanien in einer Inspiration den Kern für sein späteres Werk erfahren hat. Er sagt dort, dass er sich am Nachmittag etwas hingelegt habe und in einem halbwachen Zustand, der einige Zeit gedauert haben muss, plötzlich die ganze Konzeption im Kern klar vor sich sah. «Dann machte ich mich an die Arbeit….» sagt er in jenem Interview. Ueber zwanzig Jahre geistiger Arbeit waren notwendig, bis er in «Ursprung und Gegenwart» die Summe seiner Bemühungen ziehen konnte.
Wir haben es bei Jean Gebser nicht mit einem krampfhaft Suchenden, einem angestrengten Idealisten zu tun, sondern mit einem Menschen, der «dem Lauf des Wassers» folgte, der das, was sich fügte und ergab, bedingungslos lebte. Das zufällig sich Ergebende, das sinnvoll Gefügte war das Lebenselement Jean Gebsers. Dieser unsichtbaren Logik des Geschehens hat er immer vertraut, sein Leben gründete in dem, was er das Urvertrauen nennt.
Gebser schreibt in einem Gedicht :
Wir gehen immer verloren, wenn uns das Denken befällt und werden wiedergeboren, wenn wir uns ahnend der Welt anvertrauen und treiben wie die Wolken im hellen Wind.

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